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Fremdbilder

Im Fotoalbum meines Vaters gibt es ein Bild, das gefällt mir besonders gut. Es zeigt ihn beim Sprung von einem 10-Meter-Turm. Ein Kopfsprung.
Das Bild zeugt für mich von Schönheit, Kraft, Mut und Jugendlichkeit. Immer wieder bleibe ich bei diesem Bild hängen. Es macht mich stolz.

Was mich verwundert: In den Fotoalben, welche meine Freunde von ihren Eltern haben, gibt es Bilder, die sehen fast genauso aus. Wie kann das sein? Wen zeigen diese Bilder? Meinen Vater oder irgendeinen Jugendlichen der 50er Jahre? Das Bild meines Vaters war mir mit einem Mal fremd. Ich hatte den Eindruck, es handle sich um eine Kopie, die es häufiger gibt. Wem gehört es überhaupt, dem Fotografen?

Gehört es nicht viel eher Leni Riefenstahl, die genau diese Ästhetik in den Filmen zur Olympiade 1936 erarbeitet hatte? Oder sind ihre Bilder vielleicht auch Kopien?

Seit ich mir diese Frage stelle, hege ich ein Misstrauen gegenüber meiner eigenen Arbeit als Fotograf und ich vermute, auch meine Bilder sind Kopien, Fremdbilder, Deklinationen längst vorhandener Bilder mit unterschiedlichen Modellen, Orten, Zeiten.

Also könnte ich auch gleich fremde Bilder nehmen und sie als meine ausgeben. Wie ein Turmspringer vom 10-Meter-Brett stürze ich mich in die Flut der Bilder in Zeitungen und im Internet. Meine Festplatte füllt sich mit Fremdbildern. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie wirklich nicht mir gehören.
Oder doch?
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